Vom Mythos der Berge

 VON JÜRGEN KISTERS, Kölner Stadtanzeiger, 7. Februar 2008

 

 

Benjamin Vogels detailgetreue Gemälde sind tatsächlich Fantasielandschaften.

 

Sülz - Wir alle glauben zu wissen, was eine Landschaft ist. Dass dem nicht so ist, bemerken wir erst, wenn künstlerische Darstellungen unser Landschaftsbild nicht nur beleben, sondern zugleich in Frage stellen. Dann fällt uns auf, dass die Landschaft nicht nur eine Realität, sondern auch eine Fiktion ist. Und dass es viele Perspektiven gibt, sie zu betrachten und zu erleben. Benjamin Vogel (Jahrgang 1971), dessen Kunstwerke derzeit im Lichthof zu sehen sind, führt uns zu dieser Einsicht. Mehr noch: Er macht uns mit seinen malerischen und zeichnerischen Landschaftsstudien bewusst, dass die Realität selber eine Fiktion ist. Dabei sind seine bildnerischen Betrachtungen auf die Motive Berge und Gebirgslandschaften beschränkt. Zwischen Panoramablick und Landkarte hat Vogel seine detailgenaue gegenständliche Malerei entwickelt, die das Thema Gebirgslandschaft sowohl von ihrer schönen als auch von ihrer kritischen Seite behandelt.

Der Jahrhunderte alte Mythos der Berge als Orte der Erhabenheit und Symbol des zielgerichteten bürgerlichen Aufstiegs trifft in den Bildern auf die aktuelle Realität des bedrohten ökologischen Gleichgewichts der Alpenregion: die Skipisten-Linienführungen der modernen Tourismus-Industrie auf der einen, die fortschreitende Gletscherschmelze auf der anderen. Romantik trifft auf anschauliches Denken, die weit zurückreichende Tradition in der Malerei von Landkarten und Gebirgslandschaften auf moderne Konzeptkunst. Die Erinnerung an schöne Bergwanderungen trifft auf die Grenzenlosigkeit der Sehnsucht. Eine beeindruckende Vielfalt von Merkmalen und Erfahrungen ist mit dem Blick auf Berge und Gebirgspanoramen verbunden. Dort oben ist man vielleicht auch schon einmal gewesen, hat über die zerklüfteten Felsspitzen geschaut und sich obenauf gefühlt. Oder man hat immer schön davon geträumt, einmal wie Reinhold Messner einen Gipfel zu erklimmen.

Die Betrachter können mit diesen Bildern reisen, ohne dass sie sich bewegen. Sie können mit den Fingern den Ski- und Wanderrouten folgen, die Vogel in seine Berglandschaften hineingezeichnet hat.

Farbleuchten

Als begeisterter Gebirgswanderer ist der Dortmunder Künstler selber allerdings kein bloßer Fingerreisender, sondern er kennt die Gegenden, die er malt. Dennoch zeigen die Bilder keineswegs echte, abgemalte Alpenmotive. Vielmehr sind sie fiktive Berglandschaften, die der hauptberufliche Lehrer für Mathematik und Kunst über Landkartenstudien, fotografische Anregungen und seine im Gedächtnis bewahrten Gebirgserlebnisse allmählich zu Kompositionen entwickelt.

So ist Vogels Malerei eine Art Vermessung des Raumes, in dem Erinnerung und Fantasie, äußere und innere Landschaft einander berühren und durchdringen. Seine erste Landkarte, erklärt er, habe er „im Alter von zwölf Jahren noch ziemlich unbeholfen gemalt“. Inzwischen ist er ein Meister im bildnerischen Darstellungsfeld zwischen Kartographie und Landschaftsmalerei. Handwerkliches Können, Fleiß und Liebe für Details kommen in seiner Kunst zusammen. Die flüchtige Aquarell- und Bleistiftskizze beherrscht er ebenso wie die exakt in Öl gemalte Studie von Fels- und Wolkenformationen nebst ihren Schattenfeldern. Unter einem zurückhaltenden sanften Farbhauch zeigt er die für den Menschen für immer unerreichbare Ferne der Gebirgsgipfel. Und mit einem irrealen Farbleuchten bringt er sie so nah an uns heran wie die fantastischen Gestalten unserer nächtlichen Träume uns sind. Wer bislang nichts über die Berge wusste, weiß nach der Betrachtung von Vogels Malerei zweifellos einiges mehr.