Die Vermessung der Welt

Sie meinen, Sie erkennen dieses Panorama, waren schon einmal in der Gegend, sind gar mit einem der Lifte gefahren? Unmöglich. Was aussieht wie der detailgetreue Pistenplan eines Skigebiets in den Alpen, ist reine Fiktion. Die Berge, die Pisten, der Plan - das alles gibt es nicht. Wenngleich Benjamin Vogel auch detaillierte topografische Karten dieser Landschaften besitzt, aus denen er die Höhenzüge und Bergpanoramen streng mathematisch ableitet. Nur sind eben auch diese Karten frei erfunden.
Ein seltsames Spiel, aber ein faszinierendes: Denn Benjamin Vogel verwandelt eine kulturelle Praxis zur Darstellung von Wirklichkeit in der Praxis zur Erschaffung derselben. In unserer Wahrnehmung ist eine Karte das Produkt einer wissenschaftlichen Vermessungsmethode zu Erschließung der Welt. Sie soll strukturell abbilden und uns Orientierung bieten. Dazu wird sie erstellt, dazu ist sie da. Was aber soll uns eine Karte sagen, die nach dem gleichen Prinzip angefertigt ist, aber keinerlei Referenz in der Welt besitzt?
Nun, eine solche Karte enthält Zeichen mit gleichsam losen Enden, die wir mit unserer Fantasie zu verknüpfen angehalten sind. In der Kunst ist es ja nicht anders als in anderen kreativen Berufen: Jeder erschafft sich die Orte, die er vermisst. Als passionierter Bergsteiger nimmt er von einer Landschaft Besitz, indem er sie durchwandert, als Künstler wandert er durch Landschaften, indem er sie erfindet.

RAINER MARX