Jenseits verklärender Romantik
 

 

Dortmunder Künstler entwirft riesige Gebirgslandschaften

Dortmund Majestätisch erheben sich die „Märkischen Berge“ gleich hinter Dortmund. Das Balvenhorn oder der Nücklenberg sind an die 3000 Meter hoch. Von der „Sunderner Hütte“ (1528 Meter) ist das herrliche Gebirgsmassiv gut zu sehen. Einziger Nachteil: Es existiert gar nicht.

 

Der Dortmunder Künstler Benjamin Vogel erfindet riesige Gebirgslandschaften. Foto: Oliver Schaper

 


Im wahrsten Sinn unglaublich ist das Konzept des mehrfach preisgekrönten Dortmunder Künstlers Benjamin Vogel. Der 42-Jährige entwirft und malt fiktive Gebirgslandschaften in allen Details. „Berge finde ich einfach toll“, sagt der passionierte Wanderer aus Dortmund-Hombruch, den seine Eltern schon im Alter von drei Jahren auf den ersten Gipfel getragen hatten. Das prägt. Bis heute unternimmt der Hauptschullehrer mit der Fächerkombination Kunst und Mathematik gerne mehrtägige Hüttenwanderungen.Er interessiert sich außerdem für Kartographie. Sein drittes Faible ist die Landschaftsmalerei. „Der röhrende Hirsch vor Gebirgskulisse oder verklärende Romantik – das mag ich allerdings gar nicht“, lächelt er. „Vom Matterhorn gibt es schon Bilder genug.“ Stattdessen entstand aus diesen Interessen die Idee, eine Fantasie-Landschaft zu erschaffen. Vergleichbar mit Tolkiens „Herrn der Ringe“ – jedoch nicht mit Elben und Orks bevölkert, sondern mit wissenschaftlicher Genauigkeit gezeichnet.

Alles selbst erfunden
Vogel erfand eine Karte des Märkischen Kreises, der nun anstelle der Erhebungen des Sauerlandes ein Hochgebirge aufweist. Seen und Flüsse haben ihre Gestalt verändert, große Parkplätze für Touristen hat er im Geiste „gebaut“ und Skilifte angelegt. Die Stadt Hagen musste er leider streichen („passte nicht mehr rein“), dafür hat er idyllische Anlaufpunkte wie die „Essener Hütte“ auf 2858 Metern Höhe errichtet. Nach dieser Sisyphusarbeit entstand ein erstes Aquarell: Die Höhen entnahm er seinen Karten, die genaue Position der Berge errechnete er per Strahlensatz. Alles mit größtmöglicher Konsequenz. Die Namen entwickelte er aus realen Orten, verbrämt mit bayerisch klingenden Endungen. Erst in einem dritten Schritt ging’s ans Malen. In 120 Arbeitsstunden entstand zuletzt das 3,20 Meter breite Ölgemälde „Märkische Berge“ – eine herrliche Landschaft, fotorealistisch gemalt. Schwindelnde Höhen, tief beeindruckend. Ein 5,50 Meter breites Panorama ist schon länger fertig. Den Gipfel hat Benjamin Vogel aber noch nicht erreicht: Demnächst will er noch einen fiktiven Wanderführer erstellen – dann ist das Gedankengebäude perfekt.

Scherz oder Tiefsinn?
Ist das nun ein höchst aufwendiger Scherz oder ernsthafte Kunst? Auf jeden Fall Kunst – und zwar solche der faszinierenden Art. Denn Benjamin Vogel spielt nicht nur Grundprobleme jeder Fiktion durch, sondern seine Werke stellen auch Fragen nach den Auswirkungen des Massentourismus auf eine Landschaft. Als seine größten Fans entpuppten sich übrigens jene peniblen Fachleute, bei denen er im Münchner Landesamt für Vermessung ausstellte. Vogel: „Die waren hin und weg angesichts der Tatsache, dass man mit ihrem Berufsalltag auch künstlerisch umgehen kann.“

 

von Bettina Jäger